Der Galionsfigurensaal im Altonaer Museum war bis auf den letzten Platz belegt; auf der Galerie stand das Publikum dicht gedrängt. Hunderte waren trotz eisiger Witterung gekommen, um einen kleinen, aber überaus bedeutsamen Ausstellungsraum einzuweihen. Seit Anfang 2024 das Museum für Hamburgische Geschichte wegen umfangreicher Umbauarbeiten schloss – und mit ihm die 1997 eröffnete Abteilung für Jüdisches Leben – sind die Stimmen für ein Jüdisches Museum in Hamburg lauter geworden. Eine besonders engagierte Fürsprecherin aus der Zivilgesellschaft ist Dr. h. c. Sonja Lahnstein-Kandel, die auch den Projektraum angeregt hat und zu den Redner:innen des Abends gehörte.
400 Jahre jüdisches Leben in Hamburg und jahrzehntelange Forderungen, es der Öffentlichkeit angemessen zu zeigen
Zunächst jedoch übernahm es Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Vorstand der Stiftung Historische Museen Hamburg, die Geschichte der Debatte um eine museale Darstellung jüdischen Lebens in Hamburg vorzustellen. Sie begann lange vor den Weltkriegen, lebte nach dem Zivilisationsbruch der NS-Zeit auf, führte aber erst Jahrzehnte später zu ersten Ausstellungsprojekten und der erwähnten Abteilung für jüdisches Leben, die stets eine Interimslösung sein sollte. Der mit Unterstützung von vielen Expert:innen aus Wissenschaft und Gedenkkultur entstandene Projektraum werde jetzt dazu beitragen, gemeinsam die künftigen Darstellungsformen zu entwickeln – wobei sich Czech ausdrücklich für mehrere Elemente aussprach.
In diesem Plural stimmte er mit Dr. Carsten Brosda überein, der seine klare Position schon in seiner Begrüßung klarstellte, die er an die „Unterstützer eines hoffentlich künftigen Jüdischen Museums“ richtete. Der Senator für Kultur und Medien, auch zuständig für Erinnerungskultur, will jüdisches Leben einerseits im Museum für Hamburgische Geschichte eingeflochten sehen als Teil der Historie einer vielfältigen Stadtgesellschaft – und setzt sich dafür ein, dass die besondere, die „eigenständige Erfahrung“ an einem dafür einzurichtenden Ort erzählt wird. Brosda hob hervor, wie wesentlich jüdische Menschen – etwa Salomon Heine oder Gabriel Riesser – sich für Hamburg engagierten und zu einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft beitrugen – obwohl ihnen Bürgerrechte hier weitaus länger als etwa in Preußen verwehrt blieben. Mit Ernst Cassirer warb er dafür, Bilder und Erzählungen zu schaffen, um demokratische Werte und zivilisatorische Errungenschaften erlebbar zu machen. Der Projektraum sei eine „Keimzelle“, aus der – nach der nun folgenden Machbarkeitsstudie – ein von der Stadtgesellschaft getragenes Jüdisches Museum in die Welt gebracht werden könne.
Individuelle Erfahrungen – sichtbar machen und Brücken für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Toleranz bauen
Sonja Lahnstein-Kandel, Initiatorin des Fördererkreises Jüdisches Museum Hamburg sowie Teil des Fachbeirats „Jüdisches Leben“, verband eine sehr persönliche Perspektive mit einem Appell für Aufklärung, Freiheit und Toleranz. Eindrücklich schilderte die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Fördererkreises der Universität Haifa – selbst „Zugereiste“ in Hamburg – ihren ersten Besuch in der Abteilung für jüdisches Leben im Hamburg Museum, in der sie spurensuchenden Familien aus weit entfernten Ländern begegnete – und wie sie der zunehmende Antisemitismus in den letzten Jahren lauter werden ließ. Viele jüdische „hervorragende Hanseaten, glühende Patrioten“ seien seinerzeit dem „Trugschluss“ erlegen, sie seien „im Herzen der bürgerlichen Gesellschaft angekommen“ – wobei Lahnstein-Kandel ausdrücklich auf das institutionelle Versagen von Justiz, Wissenschaft und Kultur während der NS-Zeit hinwies. Ihr Wunsch und ihre Hoffnung ist, dass die vielen bedeutenden Beiträge zur Entwicklung Hamburgs in einem für alle offenen Haus gezeigt werden – und für die Grundwerte unserer Demokratie werben.
Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt und Vorständin der Association of European Jewish Museums, schloss sich den Plädoyers ihrer Vorredner:innen an. Die Vorständin machte zudem darauf aufmerksam, dass Hamburg die einzige deutsche Großstadt ohne ein solches Haus sei – und auch das lange angekündigte Dokumentationszentrum zum Deportationsbahnhof Hannoverscher Bahnhof bisher nicht realisiert habe. Es sei „an der Zeit“ für eine „Gedächtniseinrichtung“, die als „Ort der Identifikation“ auch Begegnung und Teilhabe ermögliche.
Großer Andrang im Projektraum – bis zum Torschluss
Zunächst steht jedoch der Projektraum. Jonas Stier, Teil des kuratorischen Teams, nannte einige Wegmarken jüdischen Lebens – von der Eröffnung des ersten Friedhofs 1611 bis zur Entscheidung für den Wiederaufbau der Bornplatz Synagoge im Jahr 2020 – und betonte, dass dieser Raum bewusst als Labor und Diskursort entwickelt wurde, der Fragen für ein Jüdischen Museum stelle.
Nach den Ansprachen war der Andrang in der Ausstellung ebenso groß wie das Austauschbedürfnis der Gäste. Die vielen Vertreter:innen wissenschaftlicher oder erinnerungskultureller Einrichtungen, der jüdischen (und auch christlichen) Gemeinden, von Stiftungen und zahlreichen zivilgesellschaftliche Initiativen blieben noch lange zusammen – und zeigten, wie lebendig der Diskurs um jüdisches Leben in Hamburg geführt wird.
Von diesem Abend bleibt der Eindruck, dass auch 2026 als Wegmarke in die Geschichte jüdischen Lebens eingehen könnte: als Jahr, in dem nach 130-jährigem Ringen die Entscheidung für ein Jüdisches Museum in Hamburg fiel. Einstweilen lohnt ein Besuch im Projektraum und die Teilnahme am austauschorientierten Veranstaltungsprogramm. Zum Herbst folgen zwei weitere Gelegenheiten, Einblick in jüdisches Leben zu gewinnen, neben einer Sonderausstellung im Altonaer Museum zur Diversität jüdischer Identität auch bei uns: Das Bucerius Kunst Forum widmet sich ab September in einer über Jahre aufwändig recherchierten Schau zu bedeutenden jüdischen Kunstsammlungen und ihren Geschichten.