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© Andreas Henn/ZEIT Veranstaltungen
Worte der Freiheit: Marion-Dönhoff-Preis 2023

Für internationale Verständigung und Versöhnung – so lautet eigentlich der Untertitel des Marion-Dönhoff-Preises, den die ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, die ZEIT und die Marion Dönhoff Stiftung jährlich für den besonderen gesellschaftlichen Einsatz an Menschen und Organisationen vergeben. Am Tag der Preisverleihung 2023 könnte der Untertitel aber auch „für die Freiheit“ lauten. In Dankesreden, Laudationes und Filmen ist Freiheit der zentrale Begriff, der über diesem Vormittag steht.

Ausgezeichnet werden an diesem Vormittag im Hamburger Schauspielhaus die estnische Premierministerin Kaja Kallas (Hauptpreis) und das Team der Menschenrechtsorganisation Háwar.Help um die Familie Tekkal (Förderpreis). Beide Parteien kämpfen für die Freiheit in all ihren Facetten – und in multiplen Krisen.

Freiheit verteidigen: Hauptpreis für die estnische Premierministerin Kaja Kallas

Die Preise sind mit je 20.000 Euro dotiert – Kaja Kallas erhält den Hauptpreis für ihren Beitrag für ein demokratisches Europa und ihre entschlossene Führung Estlands, die von der Solidarität mit der Ukraine geprägt ist. „Verteidigung von Freiheit ist das Wichtigste in Kaja Kallas‘ Politik“, sagt Matthias Nass, Juryvorsitzender des Marion-Dönhoff-Preises, in seiner Eröffnungsrede. Mutig, freiheitsliebend, solidarisch – so kategorisiert er auch Marion Dönhoff selbst, die 2002 verstorbene Namensgeberin des Preises und ehemalige Chefredakteurin der ZEIT und ehemaliges Kuratoriumsmitglied der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS. Die Dönhoff-Preisträgerin Kallas sei Teil einer Generation in Osteuropa, die statt mit Selbstzweifeln und Zaudern mit Mut und Entschlossenheit führt, erklärt Janusz Reiter, Jurymitglied des Preises und ehemaliger polnischer Botschafter, in seiner Laudatio für die estnische Politikerin.

„Es gibt einen Verbrecher, es gibt ein Opfer und es gibt ein ,smoking gun‘“

„Du musst für deine Freiheit kämpfen, wie auch immer die Chancen stehen“, sagt Kallas schließlich in ihrer Dankesrede, die einen Fokus auf die Verteidigungs- und Sicherheitspolitik in Europa legt – und damit auf den Angriffskriegs Russland in der Ukraine. „Nicht zu kämpfen bedeutet, alles zu verlieren – deine Mitmenschen, aber auch deine Eigenstaatlichkeit.“ Im ersten Schritt brauche es dabei Verantwortlichkeit für die Verbrechen Russlands, so Kallas – nicht nur die Kriegsverbrechen, sondern die auf Führungsebene im Kreml. „[Das Führungsvebrechen] ist eines gegen Frieden und eines, dem alle anderen Verbrechen entspringen. Ohne das Verbrechen der Führung gäbe es auch keine Kriegsverbrechen“, konstatiert die Politikerin an diesem Vormittag mehrfach und fordert eine neue, internationale Rechtsprechung. „[Wir müssen] ein internationales Gericht für das Verbrechen der Aggression etablieren. (…) Der Fall ist sehr klar: Es gibt einen Verbrecher, es gibt ein Opfer und es gibt ein ‚smoking gun‘.“ Zum Abschluss ihrer Rede fügt sie hinzu: „Wenn wir zulassen, dass sich Aggressionen auszahlen, haben wir das Ende von Europa akzeptiert, wie wir es kennen – dann sind wir ins Zeitalter der Imperien zurückgekehrt. Mit unserer Hilfe müssen wir in der Ukraine sicherstellen, dass Landaneignungen im 21. Jahrhundert nicht mehr erfolgreich sein können. (…)“

Orientierung geben: Förderpreis für Háwar.Help im Angesicht multipler Krisen

Dass uns alle die internationalen und multiplen Krisen angehen, machen auch die Schwestern Düzen, Tuğba, Tülin, Tezcan und Tuna Tekkal klar. Mit ihrer 2015 gegründeten Organisation Háwar.Help engagierten sich die kurdischen Aktivistinnen und Multitalente ursprünglich vor allem gegen den Völkermord und insbesondere die Verfolgung von jesidischen Frauen. In jüngerer Vergangenheit ist die Familie Tekkal und die Organisation Háwar.Help bekannt geworden durch ihr Engagement für Frauen und Minderheiten in der feministischen Revolution im Iran oder in Afghanistan. Den Förderpreis für ihre Organisation nehmen die fünf Schwestern der Familie Tekkal gemeinsam auf der Bühne entgegen.

Die Laudatio für Háwar.Help hält die Journalistin und Leiterin des ARD-Büros in Teheran, Natalie Amiri. „Es ist nicht selbstverständlich, Haltung zu zeigen“, sagt Amiri in ihrer Videobotschaft. Trotz Morddrohungen machten die Schwestern weiter mit ihrer Arbeit, schafften keine politischen Lager, sondern brächten Politiker:innen des nahezu gesamten Spektrums dazu, sich zum Beispiel solidarisch mit der Protestbewegung im Iran zu äußern. „Es waren Háwar.Help, die die erste Solidaritätsveranstaltung in Berlin veranstaltet haben. Innerhalb von wenigen Stunden waren sie die Schallverstärker der iranischen Frauen – bis heute.“  Die Tekkal-Schwestern entzögen sich dennoch nicht der Debatte, lobt die Journalistin, und fügt hinzu: „[Sie] haben nichts geschenkt bekommen, weder ihre imaginären Schwerter der Kraft, noch ihre Willensstärke und ihren Mut, der sie genau so, wie Marion Dönhoff es tat, ihre Meinung kundtun lässt. Sie haben sich bewusst dazu entschieden, für Menschenrechte auf der Welt zu kämpfen.“

 

„Jin, Jiyan, Azadî“ ist der Kern unserer Menschenrechtsorganisation“

Auf der Bühne sprechen die Schwestern über die verschiedenen Krisen, die sie in ihrer Arbeit angehen. Teczan Tekkal macht unter anderem auf Menschen in Afghanistan aufmerksam, die im Regime der Taliban in Angst und Schrecken leben und für die sie Schutzräume schaffen: „Ich bin dankbar dafür, dass Háwar mittlerweile auch ein Ort der Verbundenheit geworden ist, wo Ängste überwunden werden, wo es nicht darauf ankommt, wo man herkommt.“ Die ehemalige Profi-Fußballerin Tuğba Tekkal hat das Fußballprojekt „Scoring Girls“ unter anderem auch in Geflüchtetenlagern im Irak ins Leben gerufen. Sie erinnert an die Worte, die ihr die jungen Mädchen hinterherrufen, wenn sie abreist: „Vergesst uns nicht“.

Nicht vergessen, sondern aufmerksam sein – mit dieser Prämisse schließt auch Düzen Tekkal in ihrer Dankesrede auf die jüngste aller Krisen – den Krieg in Israel und Palästina und die vorangegangene Verstümmelung, Vergewaltigung und Entführung israelischer Frauen und Kinder durch die Hamas. „Diese Verbrechen werden von vielen (…) – und da möchte ich auch Selbstkritik üben – bis heute kleingeredet, beschwiegen, gar geleugnet“, mahnt Tekkal im Hamburger Schauspielhaus fügt zum Ende ihrer Dankesworte hinzu: „Das ist, wofür Hawar einsteht: Für den Kampf gegen #Antisemitismus, #Rassismus und #Islamismus. (...) Deswegen ist „Jin, Jiyan, Azadî“ [dt.: „Frau, Leben, Freiheit“] die Kernidentität unserer Menschenrechtsorganisation und das Gegenteil von Terrorverherrlichung. Und da, glaube ich, braucht es Kompass und Fokus, sonst können wir diese Werte nicht ernst nehmen – und die gilt es tagtäglich einzulösen. Ohne den moralischen Zeigefinger“, schließt Düzen Tekkal diesen Vormittag, der ganz im Zeichen von Freiheiten steht, „sondern wirklich so, wie wir uns eine Gesellschaft wünschen – für unsere Kinder und für die nächsten Generationen.“

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